Was du anstelle von Online-Umfragen empirisch tun kannst

Halt! Stop! Umfrageteilnehmer gesucht! Für meine Bachelorarbeit zum Thema „Online-Marketing in kleinen und mittelständischen Unternehmen“ suche ich ganz dringend noch einige Studienteilnehmer. Alle können mitmachen. Danke.

Bei Facebook, Xing oder LinkedIn gibt es derlei Gesuche nach Studienteilnehmern wie Sand am Meer – täglich. Mit jedem Post sinkt dabei die Wahrscheinlichkeit für einzelne Personen, wirklich genügend Studienteilnehmer zu finden. Warum entscheiden sich trotzdem so viele Studis für Online-Umfragen und welche Alternativen gibt es?

Take-aways

Online-Umfrage, ja oder nein?

Online-Umfragen sind nicht alternativlos und werden überschätzt.

Empirische Kategorien

Klassische und grobe empirische Kategorien sind Befragung, Experiment, Umfrage und Beobachtung.

Bewusste Wahl

Informiere dich über empirische Herangehensweisen und entscheide dich dann bewusst für eine Methode.

Das Problem mit Online-Umfragen

Paula studiert berufsbegleitend BWL. Noch hat sie keine empirische Arbeit in ihrem Studium geschrieben (Warum du empirische Arbeiten schreiben solltest: www.thesis-blog.de/gruende-fuer-empirie). An ihrem Lehrstuhl ist es jedoch gang und gäbe, dass zumindest in der Abschlussarbeit empirisch gearbeitet wird. Paula denkt über ihre Möglichkeiten nach und entscheidet sich für eine Social-Media-Umfrage. In der Besprechung mit ihrem Prüfer erfährt sie: 150 Umfrageteilnehmer sollten es schon sein, damit die Stichprobe ausreichend heterogen und robust ist.

Da Paula noch nie empirisch gearbeitet hat, weiß sie nicht, was eine ausreichend heterogene und robuste Stichprobe ist. Aber egal. 150 Umfrageteilnehmer wird sie mit ihren 700 Facebook- und 500 Insta-Kontakten schon zusammenbekommen. Und dann gibt es ja auch noch Berufsnetzwerke.

Doch Paula macht einen entscheidenden Denkfehler: Es ist nämlich keineswegs einfach, außerhalb des engsten Freundeskreises und der Familie Umfrageteilnehmer zu finden. Erst recht nicht solche, die sich für die Beantwortung von Paulas Fragen ausreichend Zeit nehmen.

Nach drei Wochen liegen Paula 45 Umfrageergebnisse vor, es fehlen 105. Sie wird zunehmend nervös, denn neben der Akquise von Umfrageteilnehmern hat sie quasi noch nichts bewerkstelligt. So aufwändig hat sie sich eine Online-Umfrage sicherlich nicht vorgestellt.

Und mittlerweile hat sie begriffen: Ich muss wirklich gute Posts absetzen, um überhaupt voranzukommen, denn die Konkurrenz ist sehr groß.

Vermutlich wird Paula später auch sehen, dass ihre Umfrageergebnisse nicht die gewünschte Qualität haben. Online kann es viele Abbrecher geben, da die Bearbeitungszeit ggf. zu lang ist. Außerdem können wir die Situation, in der die Fragebögen ausgefüllt werden, nicht kontrollieren und nur schwer beschreiben.

Wie damit umzugehen ist und wie Paula ihre Situation ggf. retten kann, beschreibe ich in den kommenden Wochen. Jetzt soll es erstmal um folgende Frage gehen: Was hätte Paula anstelle der Online-Umfrage tun können?

Empirische Alternativen zu Online-Umfragen

Befragungen

Paulas Kommilitoninnen und Kommilitonen, die sich ebenfalls für eine Social-Media-Umfrage entschieden haben, geht es kaum anders. Neidisch blicken sie auf Paul, Petra und Pius. Zwar sind sie seit zwei Wochen dabei, ihre geführten Interviews zu transkribieren, doch zumindest ist für sie ein Ende in Sicht.

Paul, Petra und Pius mussten sechs bis zehn Interviews führen. Im Durchschnitt dauerten diese etwa 40 Minuten. Es ist ihnen vergleichsweise leichtgefallen, Interviewpartner zu finden. Der Grund: Sie konnten ihre Stichprobengruppe gezielt und persönlich ansprechen.

Experimente

Philipp ist einen dritten Weg gegangen. Er führt eine Art Planspiel zu einer betriebswirtschaftlichen Effizienztheorie durch. Hierzu vergleicht er die Ergebnisse von drei verschiedenen Simulationsprogrammen. Auch für ihn bestand die erste Hürde der empirischen Herangehensweise darin, vergleichbare und interpretierbare Ergebnisse zu gewinnen. Doch mit den quantifizierten Ergebnissen kann er nun gut arbeiten.

Beobachtungen

Da Philipp sich vor der Bachelorarbeit intensiv mit empirischen Methoden auseinandergesetzt hat, konnte er seinem besten Freund Peter einen gewinnbringenden Tipp geben: Beobachte doch einen Prozess oder das Verhalten von Kunden bei der Konfrontation mit euren Mitarbeitern/eurer Marke. Peter kannte die Beobachtungsmethoden nicht, hielt sie schließlich aber für interessant. So beobachtete er nach Abstimmung mit seiner Firma, wie Mitarbeiter im Kundenkontakt agieren und wie Kunden auf gezielte Aktionen der Mitarbeiter antworten. Gerade ist er dabei, seine Ergebnisse zusammenzufassen. Tatsächlich erkennt er große Potentiale in der kundengerechten Mitarbeiterkommunikation seiner Firma und freut sich, dass Philipp ihn auf die Methode der Beobachtung hingewiesen hat.

Qualitative Kategorien

  • Beobachtung
  • Befragung

Quantitative Kategorien

  • Experiment
  • Umfrage

Mit diesen Beispielen sind vier große Kategorien der empirischen Sozialforschung beschrieben.

In der Ausgestaltung und Kombination dieser Methoden (Stichwort: Mixed Methods) sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Wichtig ist nur, dass die empirische Herangehensweise systematisch aufgebaut, erklärt und interpretiert wird. Zudem muss die Herangehensweise realistisch betrachtet werden:

  • Wie viele Interviews kann ich im Bearbeitungszeitraum meiner Thesis führen?
  • Wie viele Fälle kann ich durch eine Simulation laufen lassen?
  • Was ist eine ambitionierte und zugleich machbare Anzahl an ausgefüllten Fragebögen?

Ohne Aufwand kein Ertrag

Hierzu musst du dich mit den Vor- und Nachteilen der empirischen Methoden auskennen. Und du musst realisieren: Empirisches Arbeiten ist immer aufwändig. Das haben empirische und Theoriearbeiten übrigens gemeinsam. Ganz ohne Aufwand erhältst du kein gutes Ergebnis.

In Sammelwerken über die Methoden empirischer Sozialforschung kannst du dich über die Vor- und Nachteile verschiedener Methoden informieren. Deine Aufgabe ist es dann, eine bewusste Methodenentscheidung zu treffen (die du dann auch in deiner Arbeit begründest). Die Leitfrage hierzu lautet:

Warum passt die gewählte empirische Methode zur Makrostruktur meiner wissenschaftlichen Arbeit?

Wenn du dich nach dieser Recherche für eine Online-Umfrage entscheidest, ist das wunderbar. Du solltest jedoch nicht mangels Alternativen und im Glauben an die unendliche Macht der sozialen Netzwerke zu dieser Methode greifen.

Also, so nicht:

Zusammenfassung

Online-Umfragen als empirische Methode erscheinen einfach und effizient. In Wahrheit sind sie nicht einfacher und auch nicht effizienter als andere empirische Methoden. Deshalb sollten Studierende sich zuerst mit empirischen Methoden auseinandersetzen und dann eine bewusste Methodenentscheidung treffen.