Dein Schreibtyp – schreibe so, wie es zu dir passt.

Wenn es ums Schreiben von Unitexten geht, haben viele gute Tipps für uns. Von den Dozierenden über Kommilitonen bis hin zu Bekannten, die auch mal studiert haben. Viel zu oft – und das ist ein echtes Problem im Kampf gegen Schreibblockaden und effizientes Texten – sind diese Tipps individuelle Erfahrungsberichte. Für dich müssen diese Tipps nicht sinnvoll sein, denn jeder schreibt anders. Anders ausgedrückt: Es gibt unterschiedliche Schreibtypen.

Take-aways

Schreibumgebung

Frage dich, wo du wann mit wem am besten schreibst. Nutze dieses Wissen insbesondere, wenn du unter Zeitdruck stehst.

Individuum

Du! schreibst deine Unitexte. Schreibe also so, wie es zu dir passt.

Schreibtyp

Ermittle deinen Schreibtypen und benenne deine Stärken und Schwächen im wissenschaftlichen Schreiben.

Optimierung

Baue auf deinen Schreibstärken auf und bedenke deine Schwächen, so kommst du motiviert zu effizienteren Textprozessen.

 

Schreibprozess

„Fange bloß nicht zu früh mit dem Schreiben an. Bevor du deine Literatur nicht gelesen hast, produzierst du ohnehin nichts Lesbares.“ „Deine Arbeit muss eine Story haben. Wenn du eine Story erzählst, ist alles gut.“ Dies sind zwei Beispiele für Tipps von Dozierenden bzw. Kommilitonen, die mir so untergekommen sind. Was ist das Problem daran? Na, dass du schreiben sollst, wenn du schreiben willst. Nur weil du etwas schreibst, heißt das schließlich nicht, dass du es nicht mehr umschreiben kannst. Ich muss zum Beispiel viel schreiben, um Aussagen zu gewinnen. Der Seitenzähler meiner Masterarbeit stand mal auf 180, am Ende habe ich auf 80 Seiten runtergekürzt. Das tut weh, aber ich habe realisiert, dass das zu meinem Schreibstil gehört. Ich bin der kreative Schreiber. Andere Schreibende müssen zuerst alles lesen und feingliedern, um überhaupt etwas aufs Papier zu bekommen – die analytischen Schreiber. Dazwischen gibt es unterschiedliche Abstufungen, doch zunächst einmal zum wesentlichen Element dieses Beitrags: dir.

Das Individuum im Schreiben

Im Blogbeitrag „Die Individualitätslüge – warum deine Uniaufgaben keine Sonderfälle sind“ sagte ich, dass Prüfer, Thema und Forschungsstand für deinen Unierfolg nicht entscheidend sind. Stattdessen bist du für deinen Erfolg verantwortlich bzw. du stehst im Zentrum des wissenschaftlichen Tuns. Dies zeigte zunächst Hayes in seinem Schreibprozessmodell. In diesem stehen das Individuum, seine Motivation und seine kognitiven Prozesse im Zentrum.

Daneben ist die Schreibumgebung ein Effizienz- und Effektivitätsfaktor. Schreibst du gerne neben deiner besten Freundin? Lieber in der Bib oder am heimischen Schreibtisch? Morgens oder abends? Dies sind wichtige Fragen, wenn es um die Aufgabenumgebung geht.

Ich verbleibe hier mit einem kurzen Tipp:

Reflektiere, wo du mit wem wann am besten schreibst.

Der Beitrag konzentriert sich nun auf das Wie deines Schreibens.


Eigene Darstellung nach Hayes 1996, 4.

 

Um zu erfahren, wie du am besten schreibst, solltest du klären, wie du bisher geschrieben hast:

  • Welche Texte sind dir gelungen, welche eher weniger?
  • Und vor allem: Warum ist dir ein Text besser gelungen als ein anderer.

Kommunikationsoptimierung

Schreiben lernst du durch das Schreiben, da Schreiben eine Problemlöseaufgabe ist. Je häufiger du ähnlich gelagerte Probleme löst, desto routinierter wirst du.

Die Schwierigkeit: Im wissenschaftlichen Schreiben führt dies bei den allerwenigsten zu effizienten und effektiven Schreibprozessen. Dies hängt mit der Erfahrung der Schreibenden und der Komplexität wissenschaftlichen Arbeitens zusammen (s. Schreibcoaching).

Nur durch das Tun, das wissenschaftliche Schreiben, kommen wir also nicht auf einen grünen Zweig. Stattdessen müssen wir unser Schreiben angeleitet reflektieren. Erst dann ist Kommunikationsoptimierung möglich.

 „Kommunikationsoptimierung ist bewusstes Eingreifen in das kommunikative Handeln, das mit dem Ziel vorgenommen wird, die Kommunikation im Hinblick auf bestimmte Merkmale zu verbessern.“ (Schubert 2009, 110)

Die Merkmale der Kommunikationsoptimierung lassen sich zweiteilen. Erstens kann das Produkt des Schreibens, der Text, optimiert werden. Das ist logisch. Zweitens aber kann der Prozess verbessert werden. Es geht also um effizienteres und besseres Arbeiten. Nebenbei macht das wissenschaftliche Arbeiten mehr Spaß, wenn du es so angehst, wie es für dich passt. Damit dir das gelingt, musst du dein Schreiben einordnen oder benennen können. Erst wenn du etwas benennen kannst, ist es dir möglich, dieses Wissen zu nutzen.

Alle Wege führen nach Rom

Der Weg zum Text kann und soll jedoch individuell sein. Er sollte an deinen persönlichen Vorlieben ansetzen und nach und nach in Richtung eines starken Textes verlaufen. Schreibtypen bilden genau diese Vorlieben ab. Sie zeigen deine natürlichen Schreibneigungen. Das ist ähnlich anzusehen wie die Frage, ob du Rechts- oder Linkshänder bist. Eine Vorliebe ist angelegt, doch es sind Entscheidungen in deinem Leben, die dazu führen, mit welcher Hand du schreibst oder einen Tennisschläger hältst. Und es ist die Übung mit der „schwachen“ Hand, die ausschlaggebend dafür ist, wie gut du mit dieser Hand Aufgaben bewältigen kannst.

Schreibtypen geben dir also einen Orientierungspunkt, um dein Schreiben zu reflektieren. Wir unterscheiden zunächst zwischen zwei Schreibtypen, die ich bereits genannt habe.

1.  Der kreative Schreiber

Der kreative Schreiber entwickelt eine Fülle an Ideen beim Schreiben. Er schreibt viel in kurzer Zeit und in einer anregenden Sprache. Ihm gehen jedoch häufiger die Struktur des Textes und dessen Verständlichkeit ab. Der Leser versteht nicht direkt, was er aussagen möchte. Allein wenn dem kreativen Schreiber bewusst ist, dass er teils unverständlich schreibt, kann er dagegen ankämpfen.

2. Der analytische Schreiber

Er gliedert seine Textabschnitte und Aussagen bis ins kleinste Detail. Bis er schreibt, vergeht viel Zeit. Doch wenn er etwas schreibt, ist es gut verständlich. Dafür fehlt den Texten des analytischen Schreibers häufig ein Schuss Originalität. Mit gezielten Fragen und einer kreativen Aufgabe kann der analytische Schreiber diese Originalität nachträglich in seinen Text integrieren.

So können beide Schreibtypen zu guten Texten kommen, wenn sie wissen, worauf sie bei der Textentstehung achten müssen. Sie können in den einzelnen Phasen darüber hinaus Techniken wählen, die in den Phasen des wissenschaftlichen Arbeitens zu ihrem Schreibtypen passen.

Beispiel Themenfindung

Nehmen wir die Identifikation einer Forschungslücke oder – weniger hochtrabend – die Themenfindung als Beispiel:

Der kreative Schreiber findet sein Thema gegebenenfalls einfach, indem er mehrere Minuten zum Thema „Meine nächste Uniarbeit“ schreibt. Anschließend schaut er sich das Geschriebene an und leitet ein Thema ab.

Der analytische Schreiber sollte hier anders vorgehen. Wahrscheinlich sortiert er zunächst alle Unterlagen, die ihm für seine nächste Arbeit vorliegen und liest die aus seiner Sicht wichtigste Literatur, ehe er ein Thema andenkt.

Das Ziel ist das Gleiche: Am Ende muss ein Thema stehen, das dann zu einem Titel ausgebaut werden kann. Und in Bezug auf dieses Ziel sollte es nicht zu Denkblockaden oder langwierigen Entscheidungsprozessen kommen. An welcher Stelle du den Weg zum Ziel beginnst, bleibt dir überlassen. Die Hauptsache ist, dass du etwas tust.

Entwicklungsrichtungen

So viel zur Theorie. In der Praxis sind fast alle Schreibenden Mischtypen. Ich unterscheide dabei zwei Subtypen: den analytisch-kreativen und den kreativ-analytischen Schreiber. Dass diese Typen so nah an den beiden Extremtypen (analytischer und kreativer Schreibtyp) formuliert sind, hat einen Grund:

Es geht im Schreiben darum, sowohl kreative als auch analytische Komponenten für einen effizienten und effektiven Schreibprozess einzusetzen. Wir entwickeln uns hier auf einem Kontinuum. Am besten ist es dabei, wenn wir Mittel und Wege finden, um Schreibstärken zu nutzen und Schwächen auszumerzen. Mit zunehmender Erfahrung wird dies immer leichter, es gibt aber auch Abkürzungen in Form von sinnvollen Schreibaufgaben, die zielsicher zu den Zielen des wissenschaftlichen Arbeitens führen.

Wer also seinen Schreibtypen kennt, kann sein Schreiben bewusst weiterentwickeln. Damit geht er den ersten Schritt in Richtung effizienter Textprozesse.

Schreibtypentest

In unserer Kultur sind die Strukturfolger übrigens in der Mehrheit. Das ist auch in Ordnung so. Generell: Bei den Schreibtypen gibt es kein besser oder schlechter. Es stellt sich nur die Frage, ob wir bereit sind, unser Schreiben zu verbessern.

Bist du bereit dazu? Dann habe ich hier den Schreibtypentest für dich:

Der Test dauert zwei Minuten, die Auswertung erfolgt direkt – ohne Datenabfrage – und du erhältst in der Auswertung erste Schreibtechniken an die Hand.

Zusammenfassung

Mit der Ermittlung deines Schreibtypen kannst du dir deine Stärken und Schwächen im Schreiben bewusst machen. Anschließend gelingt es dir, deine Stärken zu nutzen und deine Schwächen im Texten zu bedenken.

Quellen:

Hayes, John R. (1996): A new framework for understanding cognition and affect in writing. In: The science of writing. Theories, methods, individual diferences, and applications., 1–27.

Schubert, Klaus (2009): Kommunikationsoptimierung: Vorüberlegungen zu einem fachkommunikativen Forschungsfeld. In: trans-koom, 2, 1, 109–150.