Die Individualitätslüge – warum deine Uniaufgaben keine Sonderfälle sind

Etliche Studierende gehen davon aus, dass ihre Uniaufgaben Sonderfälle sind. Die Gründe hierfür sehen sie im Thema, im Forschungsstand oder bei ihren Prüfern. Das sind Fehleinschätzungen und Ausreden, die effizientem und sehr gutem wissenschaftlichen Arbeiten entgegenstehen – die Individualitätslüge. Die Wahrheit ist: Uniaufgaben, ob Haus-, Bachelor-, Masterarbeiten oder mündliche Prüfungen sind vergleichbar und dein Erfolg hängt von dir ab.

Take-aways

Themenwahl

Wähle Themen, die dich begeistern und zu denen du bereits etwas geschrieben bzw. erarbeitet hast.

Prüferwahl

Wähle, sofern du kannst, Prüfer, die klare und transparente Anforderungen an wissenschaftliches Arbeiten stellen.

Literaturzugang

Erkundige dich über Literaturzugänge deiner Universität und überprüfe Datenbanken zu deinem Fachgebiet.

Objektivität

Akzeptiere, dass deine Uniaufgaben keine Sonderfälle sind. Nur du bist für deine Leistung verantwortlich.

Die Individualitätslüge im wissenschaftlichen Arbeiten

„Wegen der Aktualität und Komplexität meines Themas ist es schwierig, eine allgemeingültige Definition für den Begriff x zu liefern.“

„Da es zum Thema X wenig wissenschaftliche Literatur gibt, beschränke ich mich bei meinen Literaturangaben auf Werk x.“

„Aufgrund der Literaturmenge zum Thema x kann hier nur ein Ausschnitt der Literatur betrachtet werden.“

Dies sind Beispiele von Studierenden, die ich oft lese und höre. Als Lektor und Prüfer bekommst du bei solchen Sätzen die Krise – ganz ehrlich. Schlimmer kannst du deine Literaturarbeit nicht diskreditieren.

Denn zu Beispiel 1: Jedes Thema einer wissenschaftlichen Arbeit sollte aktuell und komplex sein und eine Definition ist fast nie allgemeingültig, sie ist  eine Arbeitsdefiniton.

Zu 2.: Es gibt wirklich zu jedem Thema wissenschaftliche Literatur, vielleicht in Nachbardisziplinen, vielleicht unter anderen Oberbegriffen.

Und zu 3.: Selbstverständlich rezipierst du nur einen Teil der Literatur, nämlich jenen, der zu deiner Fragestellung passt.

Individualitätslüge Teil 1: dein Thema

Da sich solche Sätze dennoch in wissenschaftlichen Arbeiten finden, gibt es logischerweise etliche dahingehende Fragen und Aussagen in meinen Schreibcoachings.

„Aber es ist wirklich schwierig, weil das Thema so komplex ist.“

„Zu meinem Thema gibt es so viel Literatur.“

„Wie soll ich Aspekt y denn auf 40 Seiten auch noch berücksichtigen?“

Wie ich mit diesen Fragen umgehe? Nun, mir bleibt erstmal nichts anderes übrig, als darauf zu verweisen, dass wissenschaftliches Arbeiten eben komplex ist. Und dann kann ich erklären, wie mit komplexen Themen umzugehen ist: Durch Einschränkung des Themas und durch Entwicklung eines Roten Fadens.

Aus Motivationssicht hängen diese Fragen übrigens oft mit der Unsicherheit meiner Coachees zusammen. In diesem Fall lasse ich sie aufzählen, was sie denn bisher alles gemacht haben, und sie erkennen, dass sie ein gutes Stück vorangekommen sind. Reflexion ist ein wesentlicher Aspekt für ein erfolgreiches Studium.

Teil 1 der Individualitätslüge aufdeckend:

Dein Thema und der Forschungsstand zu diesem Thema sind ziemlich sicher eher Regel als Ausnahme. Falls nicht, solltest du dir über dein Thema Gedanken machen.

Tipp:

Wähle ein Thema, das deinen Interessen entspricht. So kommst du erst gar nicht in Versuchung, dir die Individualitätslüge selbst aufzubinden.

Individualitätslüge Teil 2: dein Prüfer

„Mein Prüfer hat ganz bestimmte Vorstellungen.“

„Die Notengebung meines Prüfers ist vollkommen willkürlich.“

„Jeder meiner Profs hat unterschiedliche Ansprüche.“

Ja, stimmt, jeder Prüfer ist anders. Deshalb ist es wichtig, Prüfermanagement zu betreiben bspw. Sprechstundentermine professionell vorzubereiten.

Prüfer haben in Teilen auch unterschiedliche Themenvorstellungen und Anforderungen an wissenschaftliche Arbeiten. Diese lassen sich mit Fragen und Recherche allerdings schnell klären. Denn dein Prüfer schreibt selbst zu seinen Lieblingsthemen und rezitiert Literatur, die er für gut empfindet. Klingt logisch, oder? Also wirf auch mal einen Blick in die Literatur deines Prüfers, auch wenn sie nicht zwingend etwas mit deinem Thema zu tun hat.

Und jetzt zur Antilüge: Die Notengebung hängt trotzdem nur zu einem ganz kleinen Teil von der Individualität deines Prüfers ab. Primär hängt sie von dir ab.

In den Worten einer berufsbegleitend Studierenden:

„Stimmt, ich war sehr überrascht als ich die Bewertungsbögen zu einer meiner Seminararbeiten gesehen habe. Die Prüfer standen nicht im Austausch und saßen an unterschiedlichen Orten. Dennoch waren nicht nur die Endnote, sondern auch die Noten auf die unterschiedlichen Bewertungskriterien nahezu identisch.“

Ich kann dem nur beipflichten. Wenn ich eine wissenschaftliche Arbeit vorliegen habe, gebe ich in sehr kurzer Zeit recht solide Prognosen über deren Benotung ab. Ohne die Schreiber und/oder Prüfer zu kennen.

Woran liegt das? Wissenschaftliches Arbeiten folgt ganz klaren Strukturen. Es ist, linguistisch ausgedrückt, eine Textklasse mit sehr festem konzeptionellem Konstrukt. Dies macht die Bewertung von wissenschaftlichen Arbeiten transparent und fair.

Dein Prüfer ist also auch keine Ausrede für deinen fehlenden Arbeitsfortschritt an der Uni oder während der Thesis-Zeit.

  • Weder dein Thema noch der Forschungsstand oder dein Prüfer sind Sonderfälle.

Nutze diese drei Dinge also bitte nicht als Ausrede und vor allem: Formuliere deine Unsicherheit nicht in deinen Arbeiten.

Von schwarzen Schafen

Wie bei allem gibt es auch bezüglich der Individualitätslüge schwarze Schafe. Diese liegen nicht in deinem Thema, aber ggf. doch bei deinen Prüfern. Wie ich in meinem Beitrag zum Schreibcoaching erklärt habe, haben Prüfer oft wenig Zeit für deine Betreuung. Und dann kommt es schon mal vor, dass Verwechslungen entstehen oder ein Gutachten selbst nicht den Kriterien der Wissenschaftlichkeit entspricht. Auch Wissenschaftler sind nicht vor Fehlern gefeit. Da es an den meisten Unis nur sehr schwer ist, ein Gutachten anzuzweifeln bzw. eine verbesserte Note zu erhalten, müssen wir damit wohl in letzter Konsequenz leben.

Präventiv kannst du aber…

  1. so arbeiten, dass gar kein Grund für Kritik besteht (logisch).
  2. Prüfer wählen, mit denen du persönlich klarkommst und von denen du weißt, dass sie fair benoten.

Ich meine mit fair nicht, dass sie Noten verschenken, sondern dass sie transparent sind und ihre Gutachten nachvollzogen werden können.

Tipps gegen die Individualitätslüge

Die beste Alternative zur Individualitätslüge ist natürlich: Suche gar keine Ausreden.

Damit dich die Individualitätslüge nicht belastet, gebe ich dir folgende drei Meta-Tipps:

  1. Bereite jedes Prüfergespräch vor und erstelle im Nachhinein ein Protokoll.
  2. Such dir ein Thesis-Thema, das dich wirklich interessiert. Dann kannst du auch einschätzen, wie tief du in das Thema eingestiegen bist.
  3. Gehe professionell mit der Literatursuche um. Wo findest du Literatur? Welche Synonyme gibt es für deine Suchbegriffe? Kannst du in Nachbardisziplinen Literatur finden?

Berücksichtigst du diese Tipps, ereilt dich die Individualitätslüge nicht. Das Positive: Schreibblockaden und Selbstzweifel werden dadurch sehr viel unwahrscheinlicher.

Wir sind alle individuell

Thema und Prüfer sind zusammengefasst kein Grund für deine Thesis-Schwierigkeiten. Es gibt zu allen Themen Literatur und wissenschaftliches Arbeiten ist prinzipiell transparent. So sind die Ergebnisse von wissenschaftlichen Prüfungen regelgeleitet gut vergleichbar.

Was jedoch individuell bist, bist du. In Bezug auf wissenschaftliches Arbeiten sind deine Neigungen bei der Bearbeitung von Teilaufgaben sehr relevant. Dies wird viel zu selten wahrgenommen. Stattdessen gehen die meisten Personen davon aus, dass vergleichbare Ergebnisse auf vergleichbaren Wegen entstehen. Stattdessen aber ist es für die Effizienz und die Effektivität deines Unilebens von großer Bedeutung, deine eigenen Prozesse zur Lösung verschiedener Problemstellungen zu finden. Daher ist es stark zu hinterfragen, wenn dir ein Prüfer sehr genau vorschreibt, wie deine Herangehensweise auszusehen hat. Denn damit nimmer er dir die Möglichkeit, Probleme auf deine Weise zu lösen. Demotivation, langsames Arbeiten und schlechtere Noten können die Folge hiervon sein.

Damit das nicht passiert, solltest du erkennen, wie du Probleme löst. Beim wissenschaftlichen Schreiben bedeutet das:

Lerne, wie du am schnellsten und am besten schreibst.

Der Weg dorthin verläuft über die Ermittlung deines Schreibtypen. Im nächsten Blogbeitrag werden die verschiedenen Schreibtypen Thema sein. Wenn du deinen Schreibtypen vorab schonmal ermitteln willst, kannst du dies hier tun:

Zusammenfassung

Wissenschaftliches Arbeiten folgt festen Regeln. Diese sind so klar, dass Prüfer bei deinen Texten und Gesprächen für gewöhnlich zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Folgst du den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens konsequent, steht deinem Unierfolg nichts im Wege.