Deine Thesis muss die Welt nicht verändern

„Sehr geehrter Herr Gugumus,

wie jeder seriöse Verlag publizieren wir keine Masterarbeiten mehr …“

Warum eigentlich? Das dachte ich mir, als ich nach einem Verlag für meine Masterarbeit suchte und diese Antwort immer wieder bekam.

Wahrscheinlich weil Bachelor- und Masterarbeiten zu wenig Erkenntnispotential in sich tragen. Dafür ist die Erarbeitungszeit zu kurz. Und: Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht Schritt für Schritt, in langen Prozessen. Das bedeutet für Thesis-Schreibende: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens ist wichtiger als die weltverändernde Idee für deine Thesis. Wie ich zu dieser Einschätzung komme, zeige ich dir in diesem Blogpost.

Take-aways

Realismus

Akzeptiere, dass du mit deiner Thesis die Welt nicht maßgeblich verändern kannst.

Taktik

Konzentriere dich zunächst auf das wissenschaftliche Arbeiten, der Rest (die Kreativität) kommt von ganz allein.

Planung

Schränke deine Bearbeitungsthemen so ein, dass du sie in der angegebenen Zeit bewältigen kannst.

Suche nach einem Verlag

Mitte 2018 war es endlich so weit. Nach dreimonatigem Warten auf meine mündliche Prüfung und zweimonatigem auf mein Zeugnis durfte ich mich endlich Master der Linguistik nennen. In meiner mündlichen Prüfung habe ich dann auch die Note für meine Masterarbeit bekommen. Mein Prof hat mir wärmstens empfohlen, meine Thesis zu publizieren. Die Suche nach einem Verlag gestaltete sich jedoch problematisch. Obige Nachricht erhielt ich von allen Verlagen, die ich angefragt habe. Die Notlösung: Über den Open-Source Dokumentenserver der Uni Heidelberg konnte ich meine Masterarbeit ohne Kosten öffentlich zugänglich machen.

Praxis wissenschaftlicher Verlage

Ich habe mir in der Folge Gedanken über die Verlagspraxis bezüglich wissenschaftlicher Qualifikationstexte gemacht. Dabei ist mir eine Parallele zu meinen Schreibcoachings aufgefallen. Immer wieder sage ich zu meinen Coachees: „Du musst die Welt mit deiner Thesis nicht verändern. Stattdessen kannst du stets nur einen bestimmten Ausschnitt deines Themas aus einem bestimmten Blickwinkel beleuchten.“

Das hat zur Folge, dass dieser Ausschnitt und die Perspektive auf das Thema ausgewählt werden müssen. Mit anderen Worten: Das Thema muss eingeschränkt werden. Denn wenn ich sage, „Du musst mit deiner Thesis die Welt nicht verändern“, ist das nicht ganz richtig. Du kannst sie mit deiner Thesis nicht verändern. Dafür sind drei bis sechs Monate einfach zu wenig Zeit. Die Komplexität wissenschaftlichen Arbeitens ist zu hoch, um alle Aufgaben so zu lösen, dass ein überkreatives Produkt entsteht.

Also:

Lass die Siebenmeilenstiefel den Märchenfiguren

Ok, oft sind es die kleinen Dinge, die große Veränderungen bewirken. Denn Innovation beruht meist auf der Anpassung, Spezifizierung oder Generalisierung eines gewissen Aspekts innerhalb eines Produktes oder einer Dienstleistung.

Wie ist bspw. Zalando großgeworden? Unter anderem indem sie von Beginn an auf Versandkosten verzichtet haben. Ziemlich klug, weil langfristig gedacht. Der Kunde, der vier Kleidungsstücke zu Hause hat, kauft eher eines mehr als eines zu wenig. Kleiner Schritt, große Wirkung. Allerdings ein kleiner Schritt, der sehr viel Personal, Geld und vor allem Zeit kostete.

Für deine Thesis fehlen dir die Zutaten Personal, Zeit und Geld, um einen bahnbrechenden Wandel zu initiieren. Du kannst daher die Welt nicht verändern.

Also: Baue auf dem Bestehenden, der Literatur und den aktuellen Modellen, auf und adressiere einen ganz bestimmten Themenaspekt. Diesen beleuchtest du mit einer empirischen Methode und kannst dann sagen, dass weitere Forschung die gefundenen Zusammenhänge überprüfen sollte.

Das ist realistisch. Und dafür brauchst du eine handhabbare, eingeschränkte Forschungsfrage, die den Forschungsbereich einen kleinen Schritt weiterbringt. Ein kleiner Schritt, dessen Wirkung wegen der zur Verfügung stehenden Zeit in aller Regel überschaubar ist.

Planst du die Mondlandung?

Es kommt in Bezug auf die Notengebung folglich mehr auf die saubere Herleitung des Forschungsstandes und die saubere empirische Herangehensweise als auf die weltverändernde Idee an.

  • Technik vor Weltveränderung. Zweiteres kannst du an anderer Stelle versuchen.

All das bedeutet nicht, dass du für dein Thesis-Thema keine Leidenschaft entwickeln oder dass du deine Kreativität einschränken sollst. Vielmehr ist die saubere wissenschaftliche Grundlage der Garant für Ergebnisse, die Kommilitonen, Profs und auch zukünftige Arbeitgeber beeindrucken – wenn auch nicht die Welt verändern.

Bei deiner Thesis gilt das Anti-Armstrong-Prinzip:

Ein großer Schritt für dich, ein kleiner Schritt für die Menschheit.

Aus eigener Erfahrung

Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Vor meiner zweiten Bachelorarbeit dachte ich: Bisher hast du viele sehr gute Unitexte geschrieben und machst jetzt mal etwas ganz Besonderes. Auf 40 Seiten, so mein Plan, wollte ich die Motivationspsychologie und die Verhaltensforschung in Bezug auf Entscheidungen mit der Sprachwissenschaft zusammenbringen. Meine nichtempirischen Elemente waren meine Intuition und Literatur. Ganz schlechte Basis, weil Intuitionen kein wissenschaftliches Fundament bilden und ich keine Empirie durchgeführt habe, um die nichtvorhandene Basis zu überprüfen. Nach acht zeitintensiven Wochen, etlichen Gliederungsänderungen und im Dunkelnstochern stand meine Thesis. Sie war mit einer 1,7 die schlechteste Arbeit, die ich in der Germanistik geschrieben habe.

In meine Masterarbeit habe ich zwei Jahre später unwesentlich mehr Zeit gesteckt und sie mit 1,0 abgeschlossen. Diesmal hatte ich einen sehr klaren Plan. Durch die Kombination eines betriebswirtschaftlichen Modells mit einer sprachwissenschaftlichen Methode konnte ich die Unternehmenskommunikation von Versicherern zielführend analysieren. Bis zum Analyseteil war vieles in meiner Thesis Dienst nach Vorschrift. Da ich genau wusste, was ich machen wollte, und eine gute empirische Grundlage geschaffen hatte, konnte ich im Ergebnisteil kreativ werden. Insgesamt entstanden daraus 28 Handlungsempfehlungen für die Unternehmenskommunikation von Versicherungsunternehmen.

Publikationsalternative

Jedenfalls: Verlage wissen, dass wissenschaftlicher Fortschritt Zeit braucht. Zudem muss eine Idee erstmal von Fachexperten akzeptiert werden. Daher publizieren sie eben keine Bachelor- und Masterarbeiten mehr. Ein bisschen schade, aber auch verständlich.

Möchtest du dennoch mal in meine Masterarbeit reinlesen? Du findest sie auf dem Open-Source-Server der Universität Heidelberg. Hier durfte ich mit Bestnote und auf Empfehlung meines Profs publizieren, allerdings eben nicht in einem „seriösen“ Verlag: Klick hier.

Danke fürs Lesen

Christian

Zusammenfassung

Beim wissenschaftlichen Arbeiten im Studium musst du vor allem nachweisen, dass du wissenschaftlich arbeiten kannst. Für die Benotung deiner Texte gilt daher: Die Technik des wissenschaftlichen Arbeitens steht über der hochkreativen Idee.